Von Wedel nach Hollywood

Tobias Keip am Film-Set

Tobias Keip und Christoph Keller sprechen über Visual Effects (VFX) in Film und Werbung, ihren Werdegang und die VFX-Aussichten für künftige Absolventen.

Tobias Keip und Christoph Keller sind Bachelor-Absolventen der Medieninformatik der Fachhochschule Wedel. Nach dem Bachelor folgte bei beiden ein Master-Studium in England mit Spezialisierung auf Visual Effects und Animation. Heute arbeiten sie in London als VFX-Artists bei Realise Studio beziehungsweise Double Negative (DNeg)- zwei spitzen Computer-Animationsunternehmen. Sie konzipieren und realisieren die 3D-Animation von Film-Effekten. So sorgen sie dafür, dass sich in Inception die Straßen von Paris gen Himmel wölben oder dass Harry Potter und seine Kameraden auf ihren Besen durch Hogwarts sausen. Für die Fachhochschule Wedel sprechen sie über Visual Effects in Film und Werbung, ihren Werdegang und die VFX-Aussichten für Absolventen.

Play: Sichtbare und unsichtbare Visual Effects in Film und Werbung

Avatar, Inception und die drei Herr der Ringe-Filme haben in den letzten Jahren jeweils einen Oscar für die besten visuelle Effekte gewonnen: Welche Filme beeindrucken Euch wegen ihrer Visual Effects am meisten?

Christoph Keller: Herr der Ringe oder die Harry Potter-Filme sind gute Beispiele. All diese Filme haben mit neuster Technologie ganze Universen geschaffen, die vor 10 Jahren noch undenkbar waren. So beeindruckend diese Werke auch sind, ich persönlich bevorzuge Invisible Effects; also Effekte, die man auf den ersten Blick gar nicht erkennt und die nicht von der Story ablenken. Forrest Gump ist so ein Fall.

Tobias Keip:
Mir geht es ähnlich. The Social Network und Der seltsame Fall des Benjamin Button sind fantastische Beispiele für Invisible Effects. Außerdem müssen Effekte für mich auch immer von einem guten Script und guten Schauspielern unterstützt werden. Funktioniert das Drehbuch nicht, werden die Effekte kaum etwas besser machen.

Foto: In Inception klappen die Straßen von Paris nach oben

Welches sind die Besonderheiten der Visual Effects ind Werbe-Spots?

C.K.: In der Werbung sind die visuellen Effekte naturgemäß auffälliger als im Film, und so finden sich hier jede Menge an schillernden Effekten. Aber auch hier muss ich sagen, dass mich die unsichtbaren Effekte mehr beeindrucken: Knorr hat 2009 eine Werbereihe namens Salty produziert. Ein nicht mehr erwünschter Salzstreuer versucht ein neues Zuhause zu finden. Dem Publikum werden hier keine hyperaktiven Visualisierungen entgegengeschleudert. Die Effekte werden dafür eingesetzt eine rührende Geschichte zu erzählen.

Im Film schreiben Autoren das Drehbuch, der Regisseur verantwortet die künstlerische Gestaltung  und der Film-Produzent den wirtschaftlichen und technischen Erfolg. Welche Rolle haben die VFX-Artists beim Filme machen?

C.K.: Wir fügen alle Elemente, die nicht am Filmset vor laufender Kamera gefilmt werden können, in der Postproduktion ins Bild zusammen. Typische Elemente sind: Blue-/Greenscreen-Material, Computer generierte Charaktere oder Umgebungen und Simulationen wie Feuer, Regen oder Schnee. Es soll alles so aussehen, als wäre alles zur gleichen Zeit durch die gleiche Kamera abgefilmt worden. Klassische Beispiele für VFX sind Bluescreens, Stop-Motion-Puppen à la King Kong oder Matte Paintings, also Umgebungen, die auf das gefilmte Bild gemalt werden. Heute passiert das weitgehend digital.

Welches Projekt war für Euch bislang am spannendsten?

T.K: Die Vielfalt an Effekten ist nahezu unbegrenzt. Daher muss ich sehr flexibel sein, die Wünsche von Kunden oder Regisseuren richtig einschätzen können, und möglichst effizient und effektiv arbeiten.
Jedes Projekt läuft unterschiedlich ab. Jedes Projekt hat seine eigenen Besonderheiten und das macht jedes Projekt aufs Neue immer wieder spannend.


Foto: Christoph Keller vor dem Green ScreenC.K.: Ich sehe das genauso. Die Projekte sind auf stets eigene Weise spannend: Egal ob es darum geht, eine Waffenfabrik in die Luft zu jagen (Captain America), ein entführtes Flugzeug zum Absturz zu bringen (The Dark Knight Rises), oder ein komplettes London der Zukunft samt Hover Cars (schwebende Autos, Anm. der Red.) zu bauen (Total Recall). Aktuell arbeite ich an Les Misérables. Das ist schon deshalb interessant, weil es ein Musical ist und im frühen 19. Jahrhundert spielt. Wir versuchen mit jedem Film etwas zu kreieren, das es so noch nie zu sehen gab.

Foto: Christoph Keller vor dem Green Screen

 

Beschreibt doch Mal: Wie sieht ein typischer Arbeitsalltag aus?

T.K.: Also, ein typischer Tag fängt bei mir zwischen 9:00 und 9:30 an und geht mit E-Mails lesen los. Dann besprechen wir das Feedback vom Kunden oder des Regisseurs und planen mit den Produzenten die nächsten Schritte. Bis mittags arbeite ich an meinen Shots (Filmsequenzen, Anm. der Red.) und nachmittags treffe ich mich meistens mit Kunden. Ein Arbeitstag endet normalerweise gegen 7:00. Während der Crunchtime - also der Zeit vor der Beendigung einer Produktion - kann es auch mal später werden. Aber es macht Spaß und so wird es eigentlich nie anstrengend.

C.K.: Da fast alle Prozesse digital laufen, arbeite ich meistens am Computer in meinem Büro. Jeder von uns bekommt eine Reihe an Shots samt Zeitplan zugewiesen. Die Kommunikation untereinander ist aber extrem wichtig: Jeden Tag trifft sich das gesamte Team zu den sogenannten Dailies. Wir sitzen dann in einem kleinen Kinoraum zusammen und diskutieren über die aktuelle Arbeit der letzten Stunden. Alle Einzelheiten werden bis aufs kleinste Detail geprüft. Wenn irgendetwas nicht 100-prozentig realistisch wirkt oder gegen den Stil des Films läuft, werden die Punkte notiert und geändert.

 

Rewind: Schule, Studium und Job

Zurück zu Euren Anfängen: Ihr habt an der FH Wedel Euren Bachelor-Abschluss der Medieninformatik gemacht. Wie seid Ihr zur FH Wedel, zur Medieninformatik und zu Visual Effects gekommen?

C.K.: Schon zu meiner Schulzeit habe ich in meiner Freizeit Filme, Musik und Computerspiele produziert. Somit war eine große Leidenschaft gegeben, und das ist immer von Nutzen. Medieninformatik war daher der einzig logische Schluss. Ursprünglich komme ich aus Wedel. Dass mit der FH Wedel eine so hochqualifizierte Schule direkt vor meiner Haustüre liegt, war ein wirklich glücklicher Zufall.

T.K.: Ich habe auch schon vor meiner Studienzeit viel im Bereich 3D-Animation gearbeitet. Von 2004 bis 2007 war ich freiberuflicher 3D-Adminstrator für ein Computerspiel. Und da ich aus Hamburg komme, war mir der gute Ruf der FH Wedel natürlich bekannt. Im Studiengang Medieninformatik vermittelt die FH zum einen sehr gute Grundlagen, aber sie lässt auch viel Spielraum für individuelle Projekte, besonders im Bereich Medien. Film und 3D-Animation haben mich während des Studiums am meisten interessiert. So war Visual Effects die perfekte Kombination aus beidem.

Und von da habt ihr direkt den Sprung in die große Welt der Hollywood-Filme geschafft?

T.K.: Nein, nach dem Bachelor-Studium an der FH Wedel habe ich noch einen Master am National Centre of Computer Animation in England angeschlossen. Dort habe ich mich noch mehr auf den Bereich Visual Effects spezialisiert. Nach dem Studium, im Sommer 2010, habe ich in London bei dann bei Cinesite und Realise Studios angefangen.

C.K.: Ich habe nach dem Bachelor zunächst ein Jahr bei einer Produktionsfirma in Rostock gearbeitet und 3D-Filme und interaktive Freizeitattraktionen gemacht. Dort habe ich viel Wissen und Selbstvertrauen gesammelt, um mich in die Welt der Hollywood-Filmeffekte vorzuwagen. Der nächste Schritt war ein Master-Studium in Digital Effects in Bournemouth, an der Südküste Englands. Von dort aus bestehen exzellente Kontakte in die Londoner VFX-Industrie. Schon während meines Masters hatte ich ein Angebot von DNeg vorliegen. DNeg hatte zu diesem Zeitpunkt gerade die Effekte für Inception komplettiert und dafür später den Oscar gewonnen. Die Entscheidung ist mir daher sehr leicht gefallen.

 

Forward: Mit Neugierde und Biss. Gute Ratschläge für Theorie und Praxis

Was ratet Ihr Studieninteressierten und aktuell Studierenden, die ebenfalls als VFX-Artist möchten?

T.K.: Also: Kreativität, Neugier und natürlich ein gutes Auge für Film und Fotografie sind sehr wichtig. Das sollte man schon haben. Gleichzeitig sollte man gern strukturiert denken und Probleme lösen. Leider werden die theoretischen Grundlagen oft unterschätzt: Aber gute Grundlagen in Mathematik, Informatik und Computergrafik sind essenziell. Man muss einfach wissen, wie eine 3D-Software funktioniert und diese entsprechend der Kundenwünsche anpassen, verändern und optimieren können. Daher würde ich jedem empfehlen: Zähne zusammenbeißen und so viel theoretisches Wissen mitnehmen wie nur möglich, immer neugierig bleiben und nie aufhören, Neues zu lernen.

C.K.: Ich würde Studierenden, die in dem Bereich arbeiten wollen unbedingt raten, sich in ihrem Studium schon auf Filmprojekte und 3D-Visualisierungen zu konzentrieren. Am Ende des Studiums sollten sie schon ein kurzes Showreel (Film-Demoband, Anm. der Red.) zusammenschneiden können. Das ist eine Art Video-Portfolio und ist wichtiger als der Lebenslauf.

 

Fast Forward: Die Zukunft der Visual Effects in Deutschland

Wie schätzt Ihr die Jobchancen in Deutschland ein?

C.K.: Die Jobaussichten sind gut. Medieninformatiker haben perfekte Voraussetzungen für eine erfolgreiche VFX-Karriere. Wir arbeiten mit neuster Software und setzen auf Innovationen der Computer-Grafik. So produzieren wir hoffentlich immer fantastische Bilder. Jedes Unternehmen ist immer auf der Suche nach frischen Talenten. Anfangs muss man sich allerdings mit simplen Einsteigerpositionen zufrieden geben. Es braucht Zeit sich an die komplexen Arbeitsabläufe zu gewöhnen. Außerdem steckt hinter so einem Auftrag immer viel Geld und Verantwortung. Man bekommt aber normalerweise genug Chancen sich zu beweisen und schnell aufzusteigen.

T.K.:
Ich würde sagen: Deutschland ist im Kommen und bietet viel Potential. Das Postproduktionsunternehmen Pixomondo hat 2011 den Oscar für Visual Effects für den Film Hugo Cabret bekommen. Deutschland ist durchaus international wettbewerbsfähig. Ich bin mir sicher, dass hier die Visual Effects-Industrie weiter wachsen und es viele spannende Möglichkeiten für den Nachwuchs geben wird.

  • Informationen zum Studiengang Medieninformatik finden Sie hier.